Rezension: Poetik der Umschrift

Clemens Dirmhirn: Poetik der Umschrift. Erzählungen Franz Kafkas im Kontext zeitgenössischer Gemeinschaftsdiskurse. Köln: Böhlau 2023. 321 S. ISBN 978-3-412-52736-5.

Rezensiert von Ioannis Dimopulos.

Clemens Dirmhirn legt eine auf ein doppeltes Erkenntnisinteresse zielende Studie zu Kafkas Verhandlung der Gemeinschaft vor. Dadurch schreibt sich Dirmhirn in eine noch wenig erforschte Lücke innerhalb der Auseinandersetzung mit Kafka ein. Es gehe erstens darum, die Assoziation Kafkas mit dem „Gefühl der Entfremdung, der existenziellen Einsamkeit, der Isolation des Individuums“ (S. 3) dahingehend zu relativieren, dass sich in Kafkas Werk ein Gemeinschaftsdiskurs Bahn breche, der sich nach Dirmhirn weniger in den Romanfragmenten finden lässt als vielmehr in dessen kurzen Erzähltexten. Zweitens gehe es darum, die „auf Intertextualität basierende Schreibweise“ (S. 5) Kafkas als eine „Poetik der Umschrift“ (ebd.) zu bedenken, die die Kafka-Forschung auf den genuin politischen Charakter von dessen Werk stoßen dürfte. Entscheidend dabei ist, dass Kafkas Erzählungen die „Aporien der Gemeinschaft“ (S. 10) mittels einer „intertextuelle[n] Schreibweise präsentieren, als Verfahren, das Elemente aus höchst heterogenen literarischen wie außerliterarischen Kontexten aufgreift, transformiert, überlagert und zu neuen Ensembles kombiniert“ (S. 12). Insofern stellt das Buch zwei Weisen der Vergemeinschaftung in Zusammenhang: einerseits die zeitgenössischen Diskurse über Gemeinschaft, aus denen Kafka sich bedient, andererseits die literarische Verhandlung von Gemeinschaft in den Texten Kafkas selbst. Diese Vorgehensweise setzt Dirmhirns Vorgehen gegen den gegenwärtigen Forschungsstand ab. So unterscheidet sich das Buch durch seine Arbeit an kurzen Texten von der Fokussierung auf den Schloss-Roman, welcher in Wilko Steffens’ Monographie Schreiben im Grenzland zwischen Einsamkeit und Gemeinschaft das Zentrum darstellt. Die Anbindung Kafkas an den zeitgenössischen Gemeinschaftsdiskurs setzt wiederum eine Differenz zu der Studie Prekäre Kollektive. Das Gemeinschafts-Denken bei Kafka und Derrida von Shuang Xu, die zwar durch die Textauswahl Überschneidungen zu Dirmhirn aufweist, mit der Anbindung an Derrida jedoch einen weniger kontextabhängigen Umgang mit Kafka wählt.

Dirmhirn zielt darauf ab, die übliche Verfahrensweise der Auseinandersetzung mit Kafka umzukehren. „Kontexte dienen nicht länger (nur) der Auslegung und Plausibilisierung rätselhafter Textpassagen, vielmehr können Kafkas Texte selbst als programmatische Basis aufgefasst werden, um die in ihnen – wie prekär auch immer – aufgerufenen Texte und Diskurse scharfzustellen“ (S. 21). Die Schärfung vollzieht sich vor allem in der Offenlegung rhetorischer Aporien, die der Konstruktion von Gemeinschaft inhärent seien. Ihm dienen die zeitgenössischen Kontexte, aus denen er fundiert Zusammenhänge herstellt, nicht zur Vereindeutigung von Kafka-Texten. Stattdessen ginge es darum, die unterschlagene Widersprüchlichkeit innerhalb des Gemeinschaftsdiskurses durch Kafka offenzulegen. Das Politische verortet er gerade dort, wo „im Unvereinbaren, im Paradoxen, im Widersprüchlichen solche[] Fixierungen oder Figurationen […] an die Kontingenz dieser Fixierungen und damit grundsätzlich an der Möglichkeit alternativer Optionen“ (S. 22) der Darstellung von Gemeinschaft erinnern. Gemeint ist hier die Aufschlüsselung einer Nichtidentität von Idee und Verwirklichbarkeit von Gemeinschaften, die in entsprechenden Diskursen durch rhetorische Kniffe als realistisch behauptet werden. Einschlägige Bezüge zum Gemeinschaftsdiskurs, auf die eingegangen wird, reichen von Otto Gross, zionistischen Denkern wie Martin Buber, Theodor Herzl und Achad Haam bis hin zum China-Diskurs rund um Otto Corbach und die Zeitschrift Die Aktion.

Die Spannung zwischen Gemeinschaftsvorstellung und Verwirklichung entfaltet sich in einer zweistufigen Denkbewegung. Zuerst nimmt Dirmhirn die Spannung zwischen Idealisierung und Verwirklichung von Gemeinschaft in den Blick, welche in der Verhandlung des Babelmythos bei Kafka und seinem zeitgenössischen Umfeld thematisch werde. Er führt dafür Kafkas Das Stadtwappen und das Erzählfragment Beim Bau der Chinesischen Mauer mit zeitgenössischen Gemeinschaftsdiskursen eng, um nachzuweisen, dass die Verwirklichung von Idealität als ein „Problem der Vermittlung dieses Ideals mit einer unüberschaubar heterogenen Realität konzeptualisiert“ (S. 32) werde. Dabei wird der Nachweis erbracht, dass in allen Texten Kafkas, die „sich mit dem Problem der Verwirklichung eines Gemeinschaftsideals auseinandersetzen“ (ebd.), die Oppositionspaare Idealität/Realität sowie Einheit/Zerstreuung von zentraler Bedeutung sind. Sie arbeiten sich alle „an der verhängnisvollen Verknüpfung von Gemeinschaftsmetaphysik mit Einheitsvorstellung und Gemeinschaftsempirie mit Konnotationen von Heterogenität und Zerstreuung ab“ (ebd.) und nehmen dabei immer wieder auf biblische Kontexte Bezug. Kafkas Umschrift des Babelmythos führe dann dazu, dass „die Konzeption von Verwirklichung immer in die Aporie einer notwendigen, doch unmöglichen Vermittlung der beiden Sphären führt und führen muss, da das Ideal per definitionem das Andere des Empirischen ist“ (S. 33).

Der Babelmythos diene den zeitgenössischen Gemeinschaftsdiskursen vor allem als Setzung einer ursprünglichen Einheit, die durch die gesellschaftliche Stratifikation, Sprachverwirrung usw. als idealisierter Rückbezug relevant wird. Der „als defizitär ausgewiesene[] Istzustand […], der von Vereinzelung, mangelndem wechselseitigen Verständnis und Abwesenheit eines Kollektivgefühls geprägt ist“ (S. 39), motiviere erst den Rückbezug auf einen idealen Ursprung, welcher sich dann als Durchlässigkeit zwischen Antike und Moderne ausdrückt, insofern der verlorene Ursprung zugleich zum Zielpunkt einer ausstehenden Gemeinschaftsstiftung wird. Dies finde sich etwa im Stadtwappen wieder, wo nicht nur die „Heterogenität der Bauleute, sondern auch die anachronistische Überlagerung und wechselseitige Überformung unterschiedlicher Zeitebenen“ (S. 41) dieser Durchlässigkeit Rechnung tragen. Kafka leiste eine Problematisierung der Übergänge zwischen der Vorgängigkeit der Babelerzählung und ihrer Wiederholbarkeit in einer etwaigen Zukunft, wobei der zeitgenössische Gemeinschaftsdiskurs „meist bemüht ist, die Sprünge zwischen Antike und Moderne möglichst mühelos aussehen zu lassen“ (S. 45).

Ausführlich wird auf den Fortschrittsglauben Bezug genommen, der in Gemeinschaftsdiskursen als Vermittlungsfigur zwischen Realität und Idealität erscheint. In einer Lektüre des Stadtwappens fänden sich Möglichkeiten, den Fortschrittsglauben gerade als Scheitern des Fortschreitens auf ein Ziel hin zu lesen, etwa dann, wenn der Erzähler selbst behaupte, dass der „Turm nie vollendet werden kann, wenn es heißt, dass der Wunsch, den Bau zu vollenden, so lange besteht, wie es Menschen gibt“ (S. 59). Vielmehr verwandele sich Fortschritt als Versprechen der Erreichbarkeit des Ideals in dessen Blockade, die sich im „implizierten Aspekt des schnellen Veraltens des bereits Geleisteten“ (S. 60) ausdrücke. Der Fortschrittsglaube, das finde sich in Kafkas Verhandlung der Gemeinschaft, sei auch „ein Glaube an die im Wortsinn unverbesserliche, absolute Tat […], die erst am Endpunkt des unaufhörlichen Fortschritts ausgeführt werden könne und damit erst am Ende der Zeit Bestand hätte“ (ebd.).

Kafka sei sich durchaus dieser Probleme innerhalb der Erreichbarkeit von idealen Gesellschaften bewusst, wodurch sich seine Texte auch als „Ausdruck einer literarischen Suche nach Strategien verstehen lassen, um mit der Aporie einer notwendigen, aber unmöglichen Vermittlung von idealer Gemeinschaft und tatsächlicher Gesellschaft umzugehen“ (S. 100). So zeigt etwa Beim Bau der Chinesischen Mauer, dass das Problem nicht erst mit der Vermittlung differenter Sphären beginnt, sondern bereits auf phänomenal-empirischer Ebene vorzufinden ist. Man habe es dabei mit einem Problem der Repräsentation von Wirklichkeit zu tun, da „nämlich die empirische Wirklichkeit, das Konkrete, das Singuläre in seiner unendlichen Komplexität ebenso unzugänglich bleibt, wie das Transzendente, ja es erscheint in der Darstellung des homodiegetischen Erzählers sogar noch ferner als die vielleicht durch Mythisierung bedingt vertrautere Vorstellung eines jenseitigen Lebens“ (S. 103).

Diese „Unverfügbarkeit des Tatsächlichen“ (ebd.), die dem Erzähler im Versuch der Umfassung Chinas zu entnehmen ist, wird als ein Komplexitätsproblem gedeutet, welches in Kafkas Text auf Reduktionsversuche hinauslaufe, die sich im „Prinzip der Metapher, d.h. [der] Gleichsetzung des Verschiedenen“ (S. 104) ausdrücken. Die begrenzte Fähigkeit der menschlichen Wahrnehmung, die Kafka als Grund einer notwendigen Metaphernbildung vorstellt, macht aus Kafkas Erzähler einen „Metaphorologe[n] avant la lettre“ (ebd.), der die „ontologische Unterscheidung von Begriff und Metapher“ […] als eine „Gleichsetzung des Nicht-Gleichen“ einebnet (S. 105). Gemeinschaftsbildung bestünde dann folgerichtig in der Form einer Metaphernbildung, insofern sie die Überkomplexität der Wirklichkeit reduzierend zu ordnen versucht. Demnach ersetzte Kafkas Erzähler in Beim Bau der Chinesischen Mauer das Problem der Vermittlung von Realität und Idealität durch die Erkenntnis, dass Gemeinschaftsbildung „vorrangig diese mehr oder weniger konventionalisierten imaginierten Weltsichten, die jede Kollektivierung maßgeblich prägen und die daher das zentrale Betätigungsfeld von Politik [seien]“ (S. 108), bedeute. Der Verfasser argumentiert so plausibel, dass sich Kafkas Text der Probleme von Gemeinschaftsbildung bewusst ist und Lösungen nur über rhetorische Umwege denkbar sind.

Der zweite Teil der Arbeit befasst sich ausgehend von der Aporetik von Gemeinschaft mit Weisen, in denen Kafka sich mit dieser und ihren Überwindungsmöglichkeiten befasst. Einschlägig seien drei Texte: die kurze Erzählung Wir sind fünf Freunde, dann Blumfeld, ein älterer Junggeselle und schließlich Alles fügte sich ihm zum Bau. Während der erste Text sich mit der Möglichkeit von Gründungsmythen beschäftige, finde sich im Blumfeld Gemeinschaft als Fetisch verhandelt. Interessant sei dabei, dass zwischen „behaupteter Verbundenheit und augenscheinlicher Kontingenz der Genese als Gruppe […] eine merkwürdige Kluft [klafft]“ (S. 128). Die Kluft bezeichnet ein Fehlen adäquater Begründung, die lediglich behauptet wird, darüber hinaus jedoch hypothetischer Natur sei. Bei Kafkas Erzählung Wir sind fünf Freunde, in der durch das Hinzutreten einer sechsten Person überhaupt erst ein Problem für diese Gemeinschaft entstehe, finde sich diese Kluft etwa darin, dass sowohl die „Festlegung der Gruppengröße“ als auch der „Zeitpunkt des Anfangs der Gruppe“ (S. 129) letztlich unbegründet bleiben. Überhaupt wird erst durch das Hinzutreten eines Außenstehenden die Erklärungsbedürftigkeit dieser Gruppe relevant. Die Unmöglichkeit, diese Gruppe zu begründen – „lange Erklärungen [dem Sechsten gegenüber] würden schon fast eine Aufnahme in [ihren] Kreis bedeuten“ (S. 130) –, realisiere sich schließlich als körperliche Aggression. Auf diese Weise werde deutlich, „dass sich Gemeinschaft, selbst in dieser geschlossenen Form, nicht begründen, sondern lediglich behaupten lässt und behauptet wird sie hier im doppelten Wortsinn“ (ebd.). Die Möglichkeit, durch Gründungserzählungen Gemeinschaft zu erklären, leide am Problem der Nachträglichkeit: „Weil jene Grenze, die sie [Die Gruppe in Kafkas Erzählung; Anmerkung I.D.] scheinbar nur bezeichnen, stets nur retrospektiv gesetzt werden kann, unterliegen sie Aushandlungsprozessen, die sich nie restlos abschließen lassen.“ (S. 130f.) Dafür werde die narratologische Struktur thematisch. Das erzählende „Wir“ sei mit einem Darstellungsproblem konfrontiert: „Würde der Erzähler als ‚Ich‘ von der Genese des ‚Wir‘ berichten, so müsste er den Eindruck eines geschlossenen, einheitlichen und unveränderlichen ‚Wir‘ für die Dauer des Erzählaktes preisgegeben – ein Eindruck, der aber offenbar angesichts des in die Gruppe drängenden Sechsten und potentieller weiterer Eindringlinge unbedingt aufrecht erhalten werden soll“ (S. 132). Damit offenbare der Text „die genuine Leere und Sinnlosigkeit des Konzepts von Gemeinschaft, ihren unzureichenden Grund, um ihre Bereitschaft zur Ausgrenzung und zur Gewalt jedoch um so eindringlicher hervorzukehren“ (S. 136). Es ist auch in Dirmhirns Deutung des Blumfeld-Fragments unschwer zu erkennen, dass man es u.a. mit einer textlich plausibel hergeleiteten Verhandlung exkludierender Gemeinschaftsvorstellungen zu tun hat, wie man sie etwa in ethno-nationalistischen und antisemitischen Sphären vorfindet, die Kafka in Prag durch persönliches Erleben gut bekannt gewesen sind.

Anschließend folgt Dirmhirns Auslegung der Erzählung Blumfeld, ein älterer Junggeselle. In dieser arbeitet er sich am kollektivierenden Potenzial von Undingen – Dingen, die sich ihrer Kategorisierung verweigern – ab und bedient sich vor allem des Fetischbegriffs in seiner Marx’schen Auslegung. Entscheidend sei in Hinsicht auf Blumfeld, dass die Bälle, die plötzlich in seinem Haus auftauchen, das Verhältnis von Subjekt und Objekt, Menschen und Dingen und damit das gesellschaftliche Verhältnis problematisieren. Ähnlich wie im Fetischcharakter die Dinge verfremdet seien, da ihnen fälschlicherweise Eigenschaften zugeschrieben werden, die ihnen nicht zukommen, während Menschen einander in rein sachlicher Relation gegenüberstünden, scheinen die Bälle in Blumfeld „als soziale Dinge die Verkennung dieses Sozialen aufzuführen“ (S. 192). Hier wird etwa angeführt, dass die Bälle das Verhältnis von Privat- und Arbeitswelt zum Kollabieren bringen. Die anthropomorphisierten Bälle vollzögen eine „Ökonomisierung des Privatlebens“, während „umgekehrt die gegenläufige Bewegung einer Informalisierung seines beruflichen Umfelds“ (S. 194) das Bild ergänze. Ausgelassen wird hierbei jedoch die Theatralik von Gemeinschaft, die Dirmhirn zwar andeutet, aber nicht weitergehend verhandelt. Zu fragen wäre hier, inwiefern Gemeinschaft als Theater einen Beitrag zur Fragestellung leistet.

Diese Vorbemerkungen leiten zu der These, dass das Blumfeld-Fragment als „eines der für Kafkas Literatur typischen Gedankenexperimente zu begreifen [sei], als literarische Versuchsanordnung, die sich mit der Relation des Menschen zu seiner Umwelt auseinandersetzt“ (S. 196). Dabei werde das Fetischverhältnis literarisch umgekehrt: „Wenn Marx behauptet, ein Ding werde durch den Wert, den wir Menschen ihm beimessen, zur Ware und verhalte sich als solche viel wunderlicher als wenn ein Gebrauchsgegenstand zu tanzen begänne, so scheint in der Blumfeld-Geschichte der komplementäre Versuch unternommen zu werden, herauszufinden, was uns die Konfrontation eines ganz und gar kapitalistischen Menschen mit einem solchen Gebrauchsgegenstand mit Eigenleben über das Zusammenleben in einer kapitalistischen Gesellschaft verraten kann“ (S. 196f.). Kafkas Text sei dabei nicht einfach als Ausdruck des Fetischcharakters mit Marxens Theorie gleichgesetzt, sondern lässt gut begründet die Akzentverschiebung erkennen: Es ginge bei Kafka eben nicht darum, nachzuweisen, dass „vermeintlich übersinnliche Eigenschaften der Dinge in Wahrheit nur Zuschreibungen seien. […] Vielmehr stellen Kafkas Texte die Frage danach, wodurch die Zuschreibungen von Handlungsmacht an die Dinge im Gefüge zwischen Mensch und Ding motiviert sein könnten, auf welches Bedürfnis diese Praxis eigentlich reagiert“ (S. 200).

Die Motivation finde sich im von Kafkas Erzähler geäußerten Problem, dass Blumfeld so von der Verantwortung im Beruf eingenommen ist, dass er nicht in der Lage sei, im Privaten Verantwortung zu übernehmen und entsprechend sozial vereinsamt ist. Die Bälle „scheinen daher zunächst einen Ausweg aus diesem Problem zu weisen: Wie ein treuer Hund weichen sie Blumfeld nicht von der Seite […]“ (S. 205). Dabei erweisen sie sich als widerspenstig: Sie scheinen gerade Verantwortung zu evozieren, was daraus hervorgeht, dass sie auf Verantwortungsübernahme drängen. „Sie verhalten sich in der Darstellung des Erzählers unterwürfig, machen ihre Bewegungen von denen Blumfelds abhängig und übertragen ihm so die Verantwortung für ihre eigenen Bewegungen“ (S. 206), woraus der Eindruck entsteht, dass die Bälle sich ihrer Fetischisierung widersetzen und „sich entsprechend als Un-Dinge [präsentieren]“ (S. 207). Unklar bleibt dabei jedoch, worin genau die Differenz zwischen Fetischen und Un-Dingen besteht. Dirmhirn spart hier die Antwort aus, ob es sich dabei etwa um verschiedene Weisen der Zuschreibbarkeit handelt oder die Differenz anders geartet sei.

Es sind Blumfelds Strategien des Umgangs – das Ignorieren, das Verheimlichen, das Entledigen –, die das gemeinschaftsstiftende Potenzial verhandeln. Der Text führe „den starken Einfluss von Dingen auf die menschliche Imagination vor. Dinge prägen unsere Imagination nicht nur dort, wo wir versuchen Dinge als Dinge zu imaginieren […], sondern auch da, wo wir uns in der Abgrenzung zu den Dingen als Menschen verstehen wollen. Damit formen sie wesentlich menschliches Sozialverhalten […]“ (S. 219f.). Diese Formung menschlichen Sozialverhaltens bestünde dann darin, dass sie Blumfeld überhaupt erst mit der Notwendigkeit konfrontieren, im Scheitern seiner Handlungen über die Sozialität seiner Handlungen nachzudenken. Dirmhirn kann so verständlich machen, dass sich Kafka auch mit der ökonomischen Bedingtheit von Gemeinschaft auseinandersetzt und sich das Problem nicht auf eine (kultur)theoretische Ebene begrenzt.

Die Kapitel 5 und 6, die sich mit Baumetaphern in Alles fügte sich ihm zum Bau und schließlich mit Kafkas China beschäftigen, nehmen zwei interkulturelle Perspektiven in den Blick, die explizit zeitgenössische Diskurse beschreiben, wobei Kafka an wenigen Stellen eher als sekundäres Erkenntnisinteresse erscheint. Grundsätzlich lässt sich anmerken, dass Dirmhirn interessante Einblicke in einen Kafka gibt, der sich nicht mehr nur mit Fragen der Isolation und Einsamkeit beschäftigt, sondern sich entscheidend an der Möglichkeit von Gemeinschaft und ihrer zeitgenössischen Verhandlung abarbeitet. Die Poetik der Umschrift umfasst dabei für die Frage nach Gemeinschaft zwei miteinander korrespondierende Bewegungen. Einerseits eine kulturtheoretische Problematisierung der Möglichkeit von Gemeinschaft, die in der Umschrift des Diskurses in Kafkas Texten möglich wird; andererseits das gemeinschaftsstiftende Potenzial der Verhandlung von Gemeinschaft in Kafkas Texten selbst, welche die Aporien bewusst in sich aufnehmen. Beide Bewegungen stehen dabei als miteinander korrespondierend vor der Möglichkeit von Gemeinschaft als einem gemeinsamen Umschreiben der Möglichkeit von Gemeinschaft, die auf eine Auflösung der Aporie deutet, welche reflexiv noch ausstünde. Erfrischend ist dabei vor allem der luzide philologische Umgang, der Kafkas Texte mit zeitgenössischen Kontexten zusammen auf das gemeinsame Problem der Gemeinschaftsbildung hin liest. Der Verfasser weist sich in seinem Vorgehen einerseits als ein Kenner der politisch-kulturellen (Gemeinschafts-)Diskurse aus und schafft es andererseits, Kafka in diesen nicht nur zu verorten, sondern durchweg interessante Lektüren zu entwickeln, die ihn nicht auf diese reduzieren. Die hier angedachte Poetik der Umschrift liefert eine kulturtheoretisch ausgerichtete Linse auf das Problem von Gemeinschaft und zeigt gleichzeitig das gemeinschaftsstiftende Potenzial der Literatur, die in der Entwendung, Versammlung und Restrukturierung des Diskurses ihre genuine Bedeutung dort entfaltet, wo Kafkas Sprache die Unmöglichkeit von Gemeinschaft etwa auf einer rhetorischen Ebene problematisiert. Poetik der Umschrift meint dann die Offenlegung der Verfahren, die Gemeinschaft sowohl literarisch als auch phänomenal ermöglichen, als Sprachverfahren aufzuschlüsseln und auf ihre Fragilität hin zu bedenken. Darüber hinaus ist hervorzuheben, dass vor allem mit kurzen Texten Kafkas gearbeitet wird, die wohlbedacht und nachvollziehbar in ihrer latenten Größe entfaltet werden. Zu fragen wäre, anschließend an Dirmhirns Überlegungen, inwiefern sich die Romanversuche Kafkas zur Frage der Gemeinschaft verhalten und inwiefern sich in diesen eine Bewegung der Umschrift wiederfinden lässt.

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