Kafka jenseits der Interpretationsroutine

Neue Rundschau. Kafka Kafka Kafka Kafka Kafka. Hg. v. Sebastian Guggolz. Heft 1/ 135. Jahrgang (2024). 200 S. ISBN 978-3108091361.

rezensiert von Christian Kurze

Der bei S. Fischer für das Klassikprogramm verantwortliche Sebastian Guggolz zeichnet als Herausgeber des ersten Heftes der Neuen Rundschau des Jahres 2024 verantwortlich, das anlässlich seines 100. Todestages Franz Kafka gewidmet ist. Im Jubiläumsjahr fungiert Guggolz zudem als Herausgeber der Anthologie Kafka gelesen[1] – einer eindrucksvollen Sammlung persönlicher Leseerfahrungen von Autorinnen und Autoren aus aller Welt zum Werk des Prager Schriftstellers – sowie des Bandes Zerstreutes Hinausschauen und andere Parabeln[2] innerhalb der Jubiläumsedition von Kafkas Werken im S. Fischer Verlag.

Mit einem bloß zerstreuten Hineinschauen ist diesem Jubiläumsheft der Neuen Rundschau indes nicht beizukommen. Bereits der ebenso schlichte wie bedeutungsvolle Titel – Kafka Kafka Kafka Kafka Kafka – signalisiert eine mehrschichtige Annäherung an Autor und Werk; ein Anspruch, den die fünfzehn versammelten Beiträge einlösen, indem sie sich bewusst jenseits ausgetretener Pfade der Kafka-Forschung bewegen. Drei der Texte stammen aus dem Archiv der Neuen Rundschau, andere knüpfen an frühe Stationen der Kafka-Rezeption etwa bei Hannah Arendt, Margarete Susman oder Simon Vestdijk an.

In dieser Konstellation bestätigt sich eine Beobachtung des Kafka-Herausgebers Jürgen Born, wonach die „Spontaneität gegenüber einem dichterischen Text […] das Privileg des frühen Lesers“[3] sei. Tatsächlich ist es jene „Unbefangenheit gegenüber dem Text“,[4] die den Großteil der hier versammelten Beiträge prägt – und die als Einladung verstanden werden kann, Kafkas Schreiben immer wieder neu und aus der unmittelbaren Lektüre heraus zu erschließen, statt seine Texte vorschnell durch die Brille immer wieder tradierter und reproduzierter Stereotypen zu lesen.

Der erste Text des Heftes erfüllt diesen Anspruch beispielhaft. Im Jahr 1942 hält Simon Vestdijk im von den Nationalsozialisten eingerichteten Geisellager Sint-Michielsgestel vor prominenten niederländischen Mitgefangenen einen Vortrag über Kafkas Prozessroman. Darin stellt er die Situation des verhafteten Josef K. in einen Sinnzusammenhang mit seiner eigenen Lage und der seiner Landsleute: „einer ungewöhnlichen Erfahrung Widerstand zu leisten“.[5] Als Erklärung für den Untergang Josef K.s formuliert er den zentralen Gedanken, dass jeder, „der in Der Process für schuldig erklärt wird, […] sich allmählich auch schuldig [fühlt]“.[6] In der Fiktion, so Vestdijks Deutung, gelingt es einer Machtorganisation, im Individuum latente Schuldgefühle zu aktivieren; für die Realität des Lagers wird Kafkas Roman ihm so zur eindringlichen Warnung.

Auch Thomas Wild richtet in seinem Beitrag einen unvoreingenommenen Blick auf Franz Kafkas kurzen Prosatext Der plötzliche Spaziergang und dessen Rezeption durch Hannah Arendt. Ausgangspunkt ist Arendts Denktagebuch und ihr letzter Eintrag von 1971: „Beispiel: Spazierengehen – Kafkas plötzlicher Spaziergang = Begierde“.[7] Wild nimmt diese Gleichung zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen und fragt:

Wie lässt er sich lesen? Um welches ‚Beispiel‘ geht es, was soll jenes ‚Spazierengehen‘ exemplifizieren? Und was hat ‚Kafka‘ damit zu tun? Warum ist der ihm zugeschriebene Spaziergang ‚plötzlich‘? Und welche Rolle spielt am Ende dieser Gleichung die ‚Begierde‘? Worauf richtet sie sich? Wohin drängt sie?[8]

Wilds überzeugende Antworten kreisen um die philosophische Auslegung der Begriffe des Willens, der Freundschaft und der Sprache. Zu Letzterem ließe sich eine weitere Überlegung ergänzen: Liest man Der plötzliche Spaziergang als poetologischen Text, der im Bild des unvermittelten Aufbruchs den Beginn des eigenen Schreibens chiffriert, erhält Arendts letzter, in den Denktagebüchern festgehaltener Satz eine weitere selbstreflexive Ebene – als eine Reminiszenz an gelingendes Schreiben im Moment des eigenen Verstummens.

Der umfangreichste Beitrag des Heftes stammt von Carolin Duttlinger. Unter dem Titel Franz Kafka: Ablenkung, Wachsamkeit, Paranoia entfaltet sie anhand des Phänomens der Aufmerksamkeit eine Parallele zwischen Kafkas Figuren und seiner Existenz als Schriftsteller. So wie seine Prosa von „fahrigen Protagonisten“[9] wimmele, habe auch er selbst um den „schwer erreichbaren Zustand anhaltender Konzentration“[10] gerungen. Duttlinger verdichtet den Topos der Aufmerksamkeit damit zu einer zentralen Gelingensbedingung von Kafkas Schreiben. Als wesentliche „Störquellen“ nennt sie „Liebesbeziehungen“ und „Familienleben“, die „Konzentrationsverlust“ und „Zerstreuung“ begünstigten, während nur „Abschottung und Stille“ ein „tiefes müheloses Sichvertiefen“ ermöglichten.[11] Duttlingers Ausführungen erinnern an zwei bis heute lesenswerte Aufsätze der Kafka-Forschung, Malcolm Pasleys Der Schreibakt und das Geschriebene[12] sowie Jost Schillemeits Das unterbrochene Schreiben.[13] Duttlingers weitergehender These, Abschottung sei nur bedingt produktiv, da „Kreativität und Selbstreflexion durch die Beobachtung der Welt entfacht werden […] und im Gegenteil das Schreiben [erleichtern]“[14], möchte man aufgrund ihrer grundsätzlichen Plausibilität gern zustimmen. Sie trifft jedoch – nach allem, was wir über Kafkas Produktionsästhetik wissen – auf sein Schreiben nicht zu. (Mit der kleinen Einschränkung, dass Kafka in seinem letzten Lebensjahr in der gemeinsamen Berliner Wohnung auch im Beisein Dora Diamants zu schreiben vermochte.)

Guggolz ist es gelungen, in seinem Heft zwei der derzeit renommiertesten Kafka-Forscher zu Wort kommen zu lassen: Der Kafka-Biograf Reiner Stach antwortet ausführlich auf die von Matthias Bormuth gestellten Fragen, die über seine bekannten Interviews im Feuilleton der Tagespresse hinausgehen. Hans-Gerd Koch wiederum zieht Bilanz über die von ihm soeben abgeschlossene Edition der letzten Kafka-Briefe (1920–1924), die im Rahmen der Kritischen Ausgabe im S. Fischer Verlag erschienen ist. Stach und Koch haben in den vergangenen Jahren maßgeblich dazu beigetragen, ein Kafka-Bild zu korrigieren, das sich über Jahrzehnte erstaunlich hartnäckig hielt: das Bild des düsteren, kränklichen und misanthropen Autors. Gegen diese Verengung setzen sie ein differenzierteres Porträt – Kafka als lebensfrohen, sportlich aktiven Mann, der bei Freunden und Frauen geschätzt war. Empfohlen sei in diesem Zusammenhang die Lektüre von Kochs Büchlein Als Kafka mir entgegenkam[15]. Darin versammelt er Zeitzeugenberichte, die ein Bild Kafkas zeichnen, das deutlich vielschichtiger und wirklichkeitstreuer ist als jenes, das immer noch zu häufig aus der Kafka-Rezeption der 1970er Jahre tradiert wird.

Der kürzeste Beitrag des Heftes, „Sehr bestohlen worden“. Margarete Susman klagt, erweist sich als eine wertvolle detektivische Recherche. Barbara Hahn verfolgt darin die vermeintliche Wirkungsgeschichte eines frühen Kafka-Essays von Margarete Susman mit dem Titel Das Hiob-Problem bei Franz Kafka (1929). Hahns Untersuchung leistet dabei zweierlei: Zum einen eröffnet sie einen entlarvenden Blick auf den – bis heute, damals jedoch noch weitaus stärker – männerdominierten Literaturbetrieb; zum anderen weckt sie das Interesse, Susmans Essay endlich selbst zu lesen und angemessen zu würdigen. Hahn zeigt, dass zentrale Gedanken aus Susmans Aufsatz in späteren, hochgerühmten Publikationen unter anderem von Gershom Scholem, Walter Benjamin und Theodor W. Adorno wiederkehren, ohne dass auf die ursprüngliche Verfasserin verwiesen würde. Vor diesem Hintergrund stellt Hahn die zugespitzte Frage: „Waren es Gedanken einer Frau, denen niemand eine Referenz erweisen wollte?“[16] und rückt damit nicht nur die konkrete Rezeptionsgeschichte eines einzelnen Essays, sondern zugleich die geschlechterpolitischen Blindstellen des literaturwissenschaftlichen Kanons in den Blick. Susmans Aufsatz hätte eine Aufnahme in diesen Band sicher verdient. Mittlerweile ist er gut zugänglich und auf diesem Weg zur Lektüre empfohlen: http://www.margaretesusman.com/hiobproblemkafka.pdf.

Der einzige Text, der die Lesenden ohne Antworten zurücklässt, ist Valeria Gordeevs literarische Adaptation Elf Töchter. Eine Familienaufstellung. Der Text antwortet auf Kafkas Prosastück Elf Söhne, das im Band Ein Landarzt erschienen ist. Über diese offenkundige Reminiszenz hinaus entfaltet der Text jedoch keine zweite Ebene. Während Malcolm Pasley bereits auf einem der frühen Kafka-Symposien die „literarische Mystifikation“[17]  von Kafkas Vorlage aufgedeckt hatte – nämlich, dass Kafka seine elf Söhne als elf seiner eigenen Texte charakterisiert und karikiert und damit einen seltenen Kommentar des Autors zu den eigenen literarischen Texten liefert –, erschöpft sich Gordeevs Nachahmung in der bloßen Umkehrung des Geschlechts, in der Verwandlung der Söhne in Töchter.

Der größte aus dem Archiv der Neuen Rundschau gehobene Schatz ist Ilse Aichingers Dankesrede Die Zumutung des Atmens anlässlich der Verleihung des Kafka-Preises im Jahr 1983. Aichinger schildert in der Rede ihre Leseerfahrung einer Briefstelle Franz Kafkas und begründet, warum sie seither nicht mehr zu dessen Werk greifen konnte: Die existentielle Intensität dieser Begegnung machte ihr jede weitere Lektüre von Kafkas Texten unmöglich. So spricht Aichinger über die Wirkmächtigkeit von Literatur und lädt dazu ein, Literatur als potenziell lebensverändernde, aber auch gefährliche Kraft zu begreifen, deren Wirkung sich der rationalen Erklärung entzieht. Sie stellt Kafka nicht als Autor zum Konsumieren dar, sondern als Prüfstein, der Leserinnen und Lesern das Atmen – also das bloße Weiterleben – fraglich mache. Ihre Verweigerung, mehr zu lesen, ist dabei keine Geringschätzung Kafkas, sondern Ausdruck größter Ehrfurcht und Selbstschutz.

Aichingers Warnung trotzend, gleicht das Kafka-Jubiläumsheft der Neuen Rundschau einer Einladung, Kafkas Texte auch 100 Jahre nach seinem Tod wieder zu lesen: mit jener Unbefangenheit, die den frühen Leserinnen und Lesern noch selbstverständlich war.


[1]      Sebastian Guggolz (Hrsg.): Kafka gelesen. Eine Anthologie. Frankfurt am Main 2024.    

[2]      Franz Kafka: Zerstreutes Hinausschauen und andere Parabeln. Hrsg. v. Sebastian Guggolz. Frankfurt am Main 2023.

[3]      Jürgen Born (Hrsg.): Franz Kafka. Kritik und Rezeption zu seinen Lebzeiten 1912-1924. Frankfurt am Main 1979, S. 177.

[4]      Ebd.

[5]      Simon Vestdijk: Über Der Proceß von Franz Kafka. In: Neue Rundschau. Kafka Kafka Kafka Kafka Kafka. Hrsg. v. Sebastian Guggolz. Heft 1/ 135. Jahrgang (2024), S. 5-17, hier S. 6.

[6]      Ebd., S. 8.

[7]      Thomas Wild: Beispiel: Spazierengehen – Kafkas plötzlicher Spaziergang = Begierde. Hannah Arendt begegnet Franz Kafka. In: Neue Rundschau. Kafka Kafka Kafka Kafka Kafka. Hrsg. v. Sebastian Guggolz. Heft 1/ 135. Jahrgang (2024), S. 29-39, hier S. 29.

[8]      Ebd.

[9]      Carolin Duttlinger: Franz Kafka: Ablenkung, Wachsamkeit, Paranoia. In: Neue Rundschau. Kafka Kafka Kafka Kafka Kafka. Hrsg. v. Sebastian Guggolz. Heft 1/ 135. Jahrgang (2024), S. 47-88, hier S. 47.

[10]    Ebd.

[11]    Ebd., S. 70.

[12]    Malcolm Pasley: Der Schreibakt und das Geschriebene. Zur Frage der Entstehung von Kafkas Texten. In: Franz Kafka. Themen und Probleme. Hrsg. v. Claude David. Göttingen 1980, S. 9-25.

[13]    Jost Schillemeit: Das unterbrochene Schreiben. Zur Entstehung von Kafkas Roman ‚Der Verschollene’. In: Schillemeit, J.: Kafka-Studien. Hrsg. v. Rosemarie Schillemeit. Göttingen 2004, S. 211-224.

[14]    Carolin Duttlinger: Franz Kafka: Ablenkung, Wachsamkeit, Paranoia, S. 71.

[15]    Hans-Gerd Koch: ‚Als Kafka mir entgegenkam…‘. Erinnerungen an Franz Kafka. Berlin 1995.

[16]    Barbara Hahn: „Sehr bestohlen worden“. Margarete Susman klagt. In: Neue Rundschau. Kafka Kafka Kafka Kafka Kafka. Hrsg. v. Sebastian Guggolz. Heft 1/ 135. Jahrgang (2024), S. 142-146, hier S. 145.

[17]    Malcolm Pasley: Drei literarische Mystifikationen Kafkas. In: Kafka-Symposium. Hrsg. v. J. Born, L. Dietz, M. Pasley, P. Raabe, K. Wagenbach. Berlin 1965, S. 21-37.

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